Kulturtage 1995 – Der Grüne Kakadu

„Der Grüne Kakadu“ (1995)

 

Das Stück spielt am 14. Juli 1789, also am Vorabend der Französischen Revolution in Paris. Der Wirt Prospère, ehemaliger Direktor einer Schauspielertruppe, hat in seinem Wirtshaus „Zum grünen Kakadu“ für ein sensationssüchtiges Adelspublikum allabendlich etwas Besonderes zu bieten: Seine einstigen Schauspieler übernehmen die Rollen von Mördern, Einbrechern, Zuhältern und Dirnen für ein adliges Publikum. Dabei können die Akteure ihrer Wut auf die herrschende Klasse unter dem Schein der Harmlosigkeit Luft machen: „Es macht mir Vergnügen genug, den Kerlen meine Meinung ins Gesicht sagen zu können und sie zu beschimpfen nach Herzenslust, während sie es für Scherz halten.“ Der Star unter den Schauspielern ist der eifersüchtige Henri, dessen Frau Léocadie ohne sein Wissen eine Liebesbeziehung mit dem Herzog von Cardignan pflegt. Während das Schauspiel über kleinere Diebstähle und Betrügereien schon im Gang ist, erscheint Henri und berichtet, dass er den Herzog als Liebhaber seiner Frau ertappt und ermordet habe. Seine Darstellung ist so überzeugend, dass selbst der Wirt Prospère, der von dem tatsächlichen Verhältnis des Herzogs mit Léocadie weiß, dem Schauspieler Glauben schenkt und ihm zur Flucht rät. Der überraschte Henri steht wie versteinert vor der bitteren Realität, während die Adligen alles noch für ein besonders raffiniertes Spiel halten. In diesem Augenblick betritt der Herzog von Cadignan das Lokal. Henri ersticht ihn. Die Adligen können sich vor dem eindringenden Volk, das mittlerweile die Bastille gestürmt hat und seinen Sieg feiert, durch fluchtartiges Verlassen des Lokals retten: „Lasst sie für heute, lasst sie. Sie werden uns nicht entgehen.“

Spiel oder Schein – was darf’s denn sein ?

Interpretationsgedanken zum Stück

Das Nebeneinander von Schein und Sein macht den besonderen Reiz von Schnitzlers Groteske “ Der grüne Kakadu“ aus. Schnitzler will das Absurde eines Missverhältnisses zwischen Realität und Illusion aufzeigen. Quer durch sein Stück zieht sich die Vorstellung von der Welt als großes Spiel, aber immer wieder lässt er auch ein Stück Realität durchscheinen. Während das Volk von Paris auf den Straßen und an der Bastille zur Tat schreitet, genügt es der Schauspieltruppe noch, den Schein des Spiels zu wahren und die wirkliche Gesinnung nur verbal zum Ausdruck zu bringen. Sie verwandeln sich abends in Diebe, Betrüger, Dirnen und Mörder. Aus Georgette, der “ treuesten Frau, die man in Paris findet“, wird eine gewöhnliche Dirne. Brave, bedachte Bürger werden zu “ Gevatter Tod“ oder Schwachsinnigen ( Jules und Scaevola). Oft leben sie nur ihr wahres Ich aus. In der verwirrenden Situation der Revolutionsstimmung, da die ständische Ordnung wackelt und schließlich eingerissen wird, sind Verbrechen und Heldentat nahe beieinander. Gaston, der „beste Darsteller für Taschendiebe“, probiert sein Glück und stiehlt einer Dame die Börse, allerdings auf eine so dilletantenhafte Weise, dass er erwischt und in den Kerker gesperrt wird. Henri ,der Star, spielt den Mörder des Herzogs, um seiner Wut auf denselbigen auf diese Art freien Lauf zu lassen, und ersticht ihn am Schluss tatsächlich. Die soziale Realität des 3. Standes Wird deutlich beim echten Verbrecher (Grain), der bei Prospère Unterschlupf sucht. Der Wirt jedoch hält die Zeiten für Taten noch nicht für gekommen und weist seine Schauspieler , wenn nötig, zurecht. Noch sorgt er für Recht und Ordnung, arrangiert Szenen und passt auf, dass nicht wirklich Unrecht geschieht, dass der Schein des Spiels gewahrt bleibt. Aber auch er ist nicht vor Schein und Trug gefeit. Er hält Henris Auftritt als Mörder des Herzogs für echt, denn er weiß von den Liebschaften Léocadies zum Herzog. Er rät Henri zur Flucht. Für die Pariser Aristokraten ist das ganze Leben ein elegant geführtes Spiel. Sie ignorieren die soziale Wirklichkeit, um ihren Luxus genießen zu können. Deshalb halten sie auch noch den Sturm auf die Bastille für einen „prächtigen Anblick“. Nur der junge Albin Chevalier de la Tremouille, vom Lande in das verwirrende Pariser Leben gekommen, fühlt sich unwohl und ahnt den Ernst der Situation. Arthur Schnitzler veranschaulicht das Missverständnis zwischen der Realität und dem Selbstverständnis des Menschen in einem gekonnt inszenierten Spiel mit der Wirklichkeit. Nicht die Wirklichkeit, sondern die Fähigkeit des Menschen, der sich veränderten Wirklichkeit gerecht zu werden, wird vor dem historischen Hintergrund der französischen Revolution in Frage gestellt.

Mitwirkende

Der Adel:
Emile, Herzog von Cardignan Tim Ruh
Francois Vicomte von Nogeant Nicolas Niestatek
Albin Chevalier de la Tremouille Lutz Hohle
Marquis von Lansac Daniel Weinmüller
Séverine, seine Frau Tanja Brestensky
Rollin, Dichter Patrick Sauerwein
Die Bürger:
Prospère, Wirt, Stefan Potthast
Henri Simon Lang
Balthasar Frank Bosselmann
Scaevola Sebastian Hering
Jules Ralf Hornung
Etienne Sabine Krimm
Maurice Andreas Lohmüller
Georgette Andrea Hüther
Michette Elke Baumann
Flipotte Evi Rollmann
Lèocadie, Henris Frau Sibylle Gaubatz
Grasset, Philosoph Monty Mangold
Lebrêt, Schneider Vitor P. Torres
Grain, ein Strolch Manfred Heckwolf
Der Kommissär Jörg Sulzbach
Geistliche, Schausteller: Yvonne Lehmpfuhl, Katja Schlepper
Alle, die noch nicht erwähnt wurden
Bühnenbild: Manfred Brückmann, Jan Brücher, Marco Krämer, Önder Berktas, Peter Larem, Jens Casper, Kerstin Link, Bianca Conrad, Stefan Rodomski, Rene Dreieicher, Marcus Roth, Björn Fricke, Meike Schadt, Daniel Kaciala, Hakan Ulusan
Inszenierung: Elisabeth Stoklossa, Gabriela Reinitzer
Maske: Schüler/innen der Friseurklassen
Beleuchtung/Technik: Ulf Doerken, Björn Kaiser, Michael Steinmetz
Souffleur/in: Nicole Nehrdich, Mathias Hittel, Andrea Rössler
Musik: Ulrich Rügner
Impressum:
Redaktion: Lutz Hohle, Andrea Hüther, Monty Mangold, Katja Schlepper
Fotos: Frank Bosselmann, Sebastian Hering
Plakat: Nicolas Niestatek
Werbung: Vitor Pereira Torres
Druck: Berg Druck, Spachbrücken

 

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